Die Tram ist für Münchner Welpen einer der größten Reize der Stadt. Klingelnde Bahnen, quietschende Räder, vibrierende Schienen, dichte Menschenmassen an den Haltestellen. Wer den Welpen falsch heranführt, riskiert eine Geräuschempfindlichkeit, die ein Hundeleben lang anhält. Hier ist meine erprobte Vorgehensweise aus zwölf Jahren mobilem Training in München.
Warum die Tram so anspruchsvoll ist
Die Münchner Tram ist akustisch und visuell extrem reizstark. Eine vorbeifahrende Bahn produziert Geräusche zwischen 70 und 85 Dezibel, dazu kommen das hochfrequente Quietschen in den Kurven, das laute Klingeln beim Anfahren, das Vibrieren der Schienen, die für Hunde durch die Pfoten spürbar ist. Hinzu kommt die optische Reizdichte: ein riesiger, sich plötzlich bewegender Gegenstand, der auf einen zukommt und wieder verschwindet.
Ein Welpe, der zwischen der achten und sechzehnten Lebenswoche keine systematische Gewöhnung an diese Reize bekommt, wird sie in vielen Fällen ein Leben lang als bedrohlich erleben. Die gute Nachricht: Mit einer durchdachten Heranführung wird die Tram für Ihren Welpen zu einem völlig normalen Element des Stadtalltags.
Phase 1: Distanz aufbauen (Woche 1)
In der ersten Woche besuchen Sie eine Tram-Haltestelle aus großer Distanz. „Groß” heißt: Sie hören die Tram, aber Ihr Welpe zeigt keinerlei Erschrecken. Das können je nach Welpe zwischen 50 und 200 Metern sein. Setzen Sie sich auf eine Bank oder einen Bordstein, lassen Sie den Welpen die Umgebung erkunden, beobachten Sie seine Reaktionen.
Wichtig: Wenn die Tram kommt, machen Sie nichts Besonderes. Sie reden nicht hektisch beruhigend ein, Sie heben den Welpen nicht hoch, Sie spielen kein „komm, alles ist gut”. Sie verhalten sich, als sei nichts geschehen. Genau das vermittelt dem Welpen die wichtigste Botschaft: Diese Bahn da hinten ist nichts, worüber wir nachdenken müssen.
Phase 2: Annäherung (Woche 2 bis 3)
Wenn der Welpe in Phase 1 entspannt bleibt, verkürzen Sie die Distanz schrittweise. Pro Termin etwa zehn bis zwanzig Meter näher heran. Beobachten Sie genau: Schnüffelt der Welpe weiter normal? Frisst er ein Leckerli aus Ihrer Hand? Lässt er sich streicheln, ohne zu zucken? Wenn ja, sind Sie auf dem richtigen Weg.
Sehen Sie Stresszeichen wie Hecheln ohne Hitze, häufiges Lecken über die Nase, Wegschauen, Zittern oder Sich-hinter-Sie-Drücken, gehen Sie eine Stufe zurück. Geräuschangst entwickelt sich genau dort, wo wir die Schwelle des Welpen ignorieren. Eine Stufe zurückzugehen ist kein Rückschritt, sondern Trainingskunst.
Phase 3: Direkte Nähe (Woche 4 bis 6)
Jetzt nähern Sie sich der Haltestelle selbst an. Stellen Sie sich zunächst seitlich der Bahnsteigkante auf, später direkt dort. Machen Sie kurze Sequenzen von zwei bis drei Minuten, dann bewegen Sie sich wieder weg. Die Botschaft an den Welpen lautet: Wir kommen hin, wir gehen wieder. Die Haltestelle ist nichts, wo wir festhängen.
Halten Sie in dieser Phase etwas hochwertiges Futter bereit, etwa Käsewürfel oder gekochten Schinken. Geben Sie es immer dann, wenn die Tram in Sichtweite kommt, und beenden Sie die Belohnung, wenn die Tram weg ist. Das nennt sich klassische Gegenkonditionierung. Ihr Welpe lernt: Tram bedeutet, dass etwas Tolles passiert.
Phase 4: Mitfahren (ab Woche 7)
Die erste Tram-Fahrt sollte kurz sein, idealerweise nur eine Station, idealerweise zu einer ruhigen Tageszeit, idealerweise an einer Haltestelle, an der Sie sicher einen Sitzplatz bekommen. Empfehlenswert sind die Tram 17 zwischen Romanplatz und Sendlinger Tor in der Vormittagszeit oder die Tram 27 zwischen Petuelring und Sendlinger Tor außerhalb der Stoßzeiten.
Wählen Sie eine Position weit weg von der Tür, denn das wiederholte Öffnen und Schließen kann anfangs überfordern. Lassen Sie den Welpen auf dem Boden sitzen oder liegen, halten Sie ihn nicht auf dem Schoß, das vermittelt Unsicherheit. Loben Sie ruhig, geben Sie gelegentlich ein Leckerli, beobachten Sie aber vor allem.
Die häufigsten Fehler, die ich in München sehe
Fehler eins: Welpe wird in der ersten Woche direkt am Bahnsteig hochgehalten, weil die Halterin denkt, Nähe bringe Sicherheit. Das Gegenteil ist der Fall, der Welpe ist genau auf Augenhöhe mit dem lautesten Reiz und kann nicht ausweichen.
Fehler zwei: Tram-Gewöhnung wird mit zwölf, vierzehn Wochen begonnen. Zu spät. Die kritische Sozialisierungsphase endet bei den meisten Welpen zwischen Woche 12 und 16. Beginnen Sie idealerweise in Woche 9 oder 10.
Fehler drei: Der Welpe darf bei jedem leichten Stresszeichen sofort wieder weg. Damit lernt er, dass Wegrennen die Lösung ist. Besser: Schwelle so wählen, dass Stresszeichen gar nicht erst entstehen.
Wenn nichts funktioniert
Manche Welpen sind genetisch geräuschempfindlicher als andere. Wenn Ihr Welpe trotz schrittweisem Vorgehen nach drei oder vier Wochen weiter Angst zeigt, holen Sie Hilfe. In München gibt es einige verhaltensmedizinisch arbeitende Tierärzte, die abklären können, ob es eine medizinische Komponente gibt. Und natürlich helfe ich gerne mit einem strukturierten Konzept.
Marion Indebera ist mobile Hundetrainerin in München, §11 TierSchG zertifiziert, mit über zwölf Jahren Erfahrung. Sie können bei ihr ein 1,5-stündiges Erstgespräch buchen, in dem sie sich Welpe, Familie und Lebensumfeld ansieht und einen individuellen Sozialisierungsplan entwirft.